Dienstag, 25. Dezember 2018

Die Lacan'sche Psychoanalyse und Zwölf-Schritte-Gruppen

Sehr leicht überarbeiteter Facebook-Post vom 13. Dezember 2018

Das Prinzip von Monolog-Selbsthilfegruppen, in denen Eine/r für eine gewisse Zeit in die Runde spricht, ohne dass es ein direktes Feedback, Zwiegespräche oder eine Diskussion über das Gesagte geben würde - wie sie 1935 in Akron, Ohio zuerst von "Bill W." und "Dr. Bob" als Anonyme Alkoholiker gegründet wurde und wie es sie heute auf der ganzen Welt für verschiedenste Süchte und zwanghafte Verhaltensmuster gibt - entspricht ziemlich genau der Lacanschen Auffassung der Psychoanalyse, wenn er schreibt:
"Ob sie sich als Instrument der Heilung, der Berufsbildung oder der Tiefeninterpretation versteht, die Psychoanalyse kennt nur EIN Medium: das Sprechen des Patienten. Die Offensichtlichkeit dieser Tatsache entschuldigt nicht, dass man sie übergeht, denn jedes Sprechen appelliert an eine Antwort.
Wir werden zeigen, daß es, solange ein Zuhörer da ist, kein Sprechen ohne Antwort gibt, selbst wenn es nur auf ein Schweigen trifft, und dass gerade darin die zentrale Funktion des Sprechens in der Analyse liegt." (FUNKTION UND FELD DES SPRECHENS UND DER SPRACHE IN DER PSYCHOANALYSE, Hervorhebung im Original)
Nach der Auffassung von Bob und Bill geht es bei den AA darum, Erfahrung, Kraft und Hoffnung zu TEILEN. Was bedeutet das? Wenn jemand in den Gruppen über seine Erfahrungen spricht, die Kraft, mit ihnen anders umgehen zu können als er/sie es bislang konnte, was dann schließlich in die Hoffnung auf ein anderes Leben mündet, dann bietet das Anknüpfungspunkte für die anderen Gruppenteilnehmer*innen zur Identifikation, und zwar aus zwei Gründen:
1. Weil bei allen Unterschieden im Hinblick auf Alter, Race, Gender, sozialen Background, etc. die gemeinsame Krankheit - sei es die Sucht nach Alkohol oder anderen Substanzen, eine pathologischen Form der Abhängigkeit von anderen Menschen, zwanghaftes Verhalten im Hinblick auf Sexualität und amouröse Beziehungen, Nahrungsaufnahme, etc.- eine Basis gemeinsamer Erfahrungen schafft.
2. mag so trivial erscheinen, dass es viel zu oft übergangen wird: alle, die in diesen Gruppen sprechen oder zuhören sind Menschen, die hier einen Ort haben, um über das zu sprechen, was sie belastet, was auch ganz allgemeine Dinge sein können, die nicht nur etwas mit Suchterkrankungen zu tun haben müssen: angefangen von der überfüllten U-Bahn oder dem kaputten Computer bis zum Verlust geliebter Menschen.
Lacan schreibt an anderer Stelle: "Man kann das Spiegelstadium ALS EINE IDENTIFKATION verstehen im vollen Sinne, den die Psychoanalyse diesem Terminus beimisst: als eine beim Subjekt durch die Aufnahme eines Bildes ausgelöste Verwandlung." (Aufsatz zum SPIEGELSTADIUM, Hervorhebung im Original)
Wenn also, nach der Lacanschen Auffassung, das Ich, indem es sich mit einem seiner selbst äußerlichen Bild seiner Selbst identifiziert, an dem es eine Ganzheit bewundert, die es im Alter von ca. einem Jahr am eigenen Körper noch nicht spüren kann, zu einer ersten Auffassung seiner selbst gelangt, dann muss besagtes Spiegelstadium - ebenso wie der Ödipuskomplex bei Freud - für eine "gesunde" Entwicklung des so entstandenen Subjekts überwunden werden. Denn dieses Subjekt sucht in den Objekten seiner Umwelt nun weiterhin nur ein Abbild des Selbst, das wiederum der narzisstischen Selbstbestätigung dienen soll; im Du also nur das Ich.
Ich bin mit meiner Lacan-Lektüre noch nicht weit genug, um seine Ansicht über den Übergang des durch das Spiegelstadium begründeten Imaginäre in die symbolische Ordnung der Sprache, die aus diesem Dilemma durch die Möglichkeit der intersubjektiven Kommunikation einen Ausweg bietet, wirklich en detail zu kennen.
Eins jedoch weiß ich: Wer in einer Gruppe sitzt und über sich und seine/ihre Gefühle, Bedürfnisse, Zwänge, erfahrene und erlebte Freuden und Leiden spricht, um den anderen durch die Identifikation damit eine Hilfe zu bieten, die er/sie wiederum auch in der Identifikation mit den Anderen erfährt, was manchmal sein/ihr Leben retten kann, trachtet immer schon nach einer intersubjektiven Kommunikation, danach, das Spiegelstadium hinter sich zu lassen, um sich mit den anderen sprechenden und zuhörenden Subjekten verbinden zu können, indem er/sie Dinge mit ihnen TEILT (was AUCH, wie es das Sprichwort will, den Effekt haben kann, sie zu halbieren).
Er oder sie sucht nach einer Wahrheit, die jenseits von der des Ichs liegt, oder: wie es die spirituelle Auffassung der Zwölf Schritte-Gruppen formuliert: jenseits des Egos.
Der Zweite der Zwölf Schritte lautet (Hervorhebung von mir): "Wir kamen zu dem Glauben, dass eine Macht, GRÖßER ALS WIR SELBST, unsere geistige Gesundheit wieder herstellen kann."
Es erübrigt sich wohl, darauf hinzuweisen, dass das Anliegen einer "Wiederherstellung der geistigen Gesundheit", dem entspricht, das Lacan für die Psychoanalyse in der ersten der von ihm genannten Funktionen, formulierte.
Wichtig ist aber, darauf hinzuweisen, dass der Gott-Begriff der Zwölf Schritte-Gruppen ein ganz frei wählbarer ist; der Dritte Schritt lautet (Hervorhebung im Text): "Wir trafen eine Entscheidung unseren Willen und unser Leben der Fürsorge Gottes, SO WIE WIR IHN VERSTANDEN, anzuvertrauen."
Als atheistischer Mensch, als der ich erzogen wurde und der ich auch heute nach wohl so ziemlich jeder herkömmlichen Bedeutung des Wortes noch bin, ist diese Transzendenz (Gott, wie ich ihn verstehe) eine Lacansche Intersubjektivität, die ich mir als eine Essenz vorstellen möchte, die uns alle verbindet. Wir können uns das, wenn wir wollen, als eine weitere Verwandlung ausmalen, die die des Spiegelstadiums wohl nicht aufhebt, aber eben transzendiert.
Aus Ich werden Viele!

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